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Landrat Oswald Marr: Ehrenamt und Bürgerengagement
sind kostbare Güter des Gemeinwesens


“Es gibt nichts Gutes, außer man tut es”, formulierte einst Erich Kästner in seiner treffsicheren Art. Bei diesem Zitat denke ich besonders an die Menschen in unserem Landkreis, die freiwillig etwas Gutes für unser Gemeinwesen tun. Manchmal bedarf es eines Anlasses wie des kürzlich begangenen Internationalen Jahrs der Freiwilligen, um deutlich zu machen, in welcher fachlichen Vielfalt Freiwilligkeit und Ehrenamtlichkeit im Landkreis Kronach ausgeprägt sind. Ich darf allen Ehrenamtlichen Anerkennung und Dank für ihr Wirken in den unterschiedlichen Bereichen aussprechen:
   > in den Kirchen, Sozial- und Wohlfahrtsverbänden,
   > in den Rettungs- und Sicherheitsorganisationen wie Feuerwehr, THW,  DLRG und Verkehrswacht
   > in den Institutionen für Musik, Gesang und Heimat pflege sowie in denen für Naturschutz, Gartenbau und Landschaftspflege
   > in den Organisationen der Sportbewegung und der Jugendarbeit
   > in den Soldatenvereinigungen und und und...
Das war – da bin ich mir sicher – keine für das ehrenamtliche Wirken in unserem Landkreis erschöpfende Aufzählung.

Auch unabhängig von besonders ausgerufenen Jahren oder Tagen sollten wir uns immer wieder bewusst machen, was ehrenamtliche Tätigkeit für unsere Gesellschaft und die Demokratie bedeutet. Wir sollten immer wieder die Tätigkeit von Menschen ins Scheinwerferlicht rücken, die von ihrem Wirken häufig nicht viel Aufhebens machen, und den Blick auf Mitbürgerinnen und Mitbürger richten, die einfach Gutes tun für ihre Mitmenschen und für das Zusammenleben in unserer Heimat. Und wir sollten öfters einmal einen Gedanken darauf richten, wie unsere Gesellschaft ohne Ehrenamtliche im sozialen und kulturellen Bereich sowie im Vereinswesen aussähe.

Der evangelische Landesbischof Johannes Friedrich hat die Ehrenamtlichen als den “größten irdischen Schatz der Kirche” bezeichnet. Der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau hat anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Deutschen Sportbundes betont: “Das ehrenamtliche Engagement ist und bleibt die Seele des Sports.” Ich bin mir sicher, dass die ehrenamtlich Tätigen auch in den anderen Bereichen unseres Gemeinwesens einen ähnlich hohen Stellenwert haben. Unsere ganze Gesellschaft kann nur so funktionieren, wie sie funktioniert, weil es in großer Zahl ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt, die Solidarität und Gemeinsinn beweisen und damit zugleich auch ein Stück gelebte Demokratie vor Augen führen. Dabei können die Motive für Freiwilligenarbeit durchaus unterschiedlich sein. Sie reichen von religiösen Überzeugungen und karitativen Bestrebungen bis zu sozialem Verantwortungsbewusstsein oder persönlicher Betroffenheit. Viele Engagierte möchten dabei auch ihre Erfahrungen und Kenntnisse erweitern sowie Erfüllung und Gemeinschaft erleben.

Es ist gewaltig, was Menschen freiwillig und unentgeltlich leisten. Jeder dritte Deutsche über 16 Jahren ist ehrenamtlich im Einsatz. Nach Untersuchungsergebnissen von Anfang 2000 übernehmen 22 Millionen Personen unbezahlte oder nur mit Aufwandsentschädigung vergütete Arbeiten. Die ehrenamtlich Tätigen leisten hierzulande über 2,8 Milliarden Arbeitsstunden pro Jahr. Trotz dieser gewaltigen Leistung müssen die Ehrenamtlichen oft genug noch selbst Geld mitbringen, um ihre Arbeit machen zu können. Nach einer Studie übernehmen Ehrenamtliche zwischen 20 und 80 Prozent der anfallenden Kosten selbst.

Der Bereich, der quantitativ die meiste ehrenamtliche Tätigkeit auf sich zieht, ist, wie eine Studie des Familienministeriums ergab, der Sport, wo sich 11 Prozent der Bundesbürger engagieren. Für Freizeit und Geselligkeit setzen sich 6 Prozent ehrenamtlich ein – genausoviel wie für Schule und Kindergarten. Jeweils 5 Prozent sind es für die Kirchen und für die Kultur. 4 Prozent übernehmen Verantwortung im sozialen Bereich, 3 Prozent in der Politik. Dass die Jugend besser ist als ihr Ruf, zeigt sich auch in puncto Ehrenamt: Junge Menschen im Alter von 14 bis 24 Jahren kommen auf 37 Prozent ehrenamtlich Aktive, während es die Gruppe aller Erwachsenen auf 34 Prozent bringt. Überraschend mag sein, dass der Anteil der ehrenamtlich tätigen Männer mit 38 Prozent höher ist als der der Frauen, der bei 30 Prozent liegt. Allerdings verzeichnen einige Bereiche deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede: So stellen Frauen etwa zwei Drittel der Engagierten im Sozial- und Gesundheitswesen, in Schule, Kindergarten und Kirche.

Nicht Recht behalten haben diejenigen, die das Ende des Ehrenamts prophezeiten und die Egoisten auf dem Vormarsch sahen. Dass aus dem Füreinander ein Ohneeinander wird und uns eine “Kühlschrank-Gesellschaft” bevorsteht, dürfte übertriebene Schwarzmalerei gewesen sein. Zumal eine Erhebung vom Dezember 1999 ergab, dass sich die Deutschen wieder stärker ihren Mitmenschen zuwenden. Demnach rücken alte Werte wie soziale Offenheit und Gleichberechtigung, Bindung und Fairness wieder in den Vordergrund. Der Gemeinsinn ist wieder im Wachsen begriffen. Die Studie belegt auch, dass eine ganze Reihe von bisher nicht ehrenamtlich tätigen Menschen sich vorstellen könnte, demnächst oder unter bestimmten Bedingungen freiwillige Arbeit zu leisten. Offenbar wartet eine nicht unbeträchtliche Zahl von Bürgerinnen und Bürgern darauf, auf einen potenziellen Einsatz angesprochen oder auf ein mögliches Tätigkeitsfeld hingewiesen zu werden.

Bezüglich des ehrenamtlichen Engagements lässt sich freilich ein Wandel in verschiedener Hinsicht nicht übersehen. So kann man feststellen, dass traditionelle Pflichtwerte an Bedeutung verlieren und Selbstentfaltungswerte an Bedeutung gewinnen. Darin sollte man nicht voreilig eine Tendenz zum Egoismus sehen, sondern zu mehr Eigeninitiative, Eigenverantwortlichkeit und Selbstentfaltung. Unverkennbar ist auch, dass eine Mitwirkungsmöglichkeit an Lösungen oder eine zeitliche Befristung der Aufgabe häufig Voraussetzungen sind, um Menschen für freiwilliges Engagement gewinnen zu können.

Unter anderem damit hängt es zusammen, dass man in der gesellschaftspolitischen Diskussion der letzten Jahre den Begriff Ehrenamt gerne durch Freiwilligenarbeit oder durch Bürgerengagement ersetzte. Dabei fallen unter den weiter gefassten Begriff Bürgerengagement alle Formen des Ehrenamtes, alle Selbsthilfeaktivitäten sowie die Übernahme gemeinwohlorientierter Aufgaben durch bürgerschaftliche Gruppen. Darüber hinaus sind alle Initiativen und Gruppen, die der Weiterentwicklung des Gemeinwesens dienen, Teil des Bürgerengagements. All diesen Aktivitäten ist gemeinsam, dass es Handlungen sind, die Menschen außerhalb eines Erwerbsverhältnisses tun.

Der Bayerische Landkreistag hat dazu aufgerufen, die komplexe Thematik des bürgerschaftlichen Engagements als gesamtgesellschaftlichen Prozess zu thematisieren. Zu den Zielsetzungen gehören dabei:
   >    > die Imageverbesserung des Ehrenamts,
   >    > die Gewinnung neuer Ehrenamtlicher,
   >    > die Bestärkung der bereits freiwillig Tätigen,
   >    > die Verbesserung der bestehenden Rahmenbedingungen für Bürgerengagement.

Ich halte es für gut, dass traditionelle Strukturen und Formen des Ehrenamtes weiterhin gepflegt und mit Leben erfüllt werden – und dass sich daneben neue Wege und Formen des Bürgerengagements entwickeln und bewähren können. So unterschiedlich wie die Aufgabenstellungen in unserer Gesellschaft und so vielfältig wie die Lebensentwürfe der Menschen sollen auch die freiwilligen Einsatzmöglichkeiten zum Wohl der Mitmenschen und des Gemeinwesens sein. Sowohl in der Kommunalpolitik als auch in den Institutionen und Verbänden müssen wir darüber nachdenken, wie wir eine Infrastruktur zur Unterstützung freiwilligen Engagements schaffen und wie wir uns für neue Modelle der ehrenamtlichen Mitgestaltung öffnen können. Bei allen Reformbestrebungen muss die Förderung des Bürgerengagements eine zentrale Rolle spielen. Darin liegen ungeahnte Ressourcen zur Revitalisierung und Weiterentwicklung des Gemeinwesens.
Eines ist sicher: Das Ehrenamt und das freiwillige Bürgerengagement bleiben Grundsäulen unseres solidarischen Gemeinwesens. Wir brauchen sie auch weiterhin dringend als den sozialen Kitt für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Deshalb schließe ich mit einem aufrichtigen Dank an alle, die sich im Landkreis Kronach im Ehrenamt und für das Ehrenamt einsetzen.
  
(Ansprache zum Internationalen Jahr der Freiwilligen 2001)